Der dritte Arbeitstag der Interparlamentarischen Konferenz hatte die Schwerpunktthemen Balkan und Klima zum Inhalt. Die Aufnahme der Staaten Serbien, Bosnien, Mazedonien, Montenegro, Albanien und Kosovo in die Europäische Union wurde sehr kontrovers diskutiert. Hier kamen alte „Wunden“ aus den Balkankriegen der 1990er Jahre teilweise wieder zum Vorschein. Die Vorschläge reichten von einer zeitnahen Aufnahme bis 2025 oder einen möglichen Beitritt in 25 Jahren. Die Herausforderungen sind die ethnischen und religiösen Zwistigkeiten auf dem Balkan, die schnell wieder zum Krieg führen könnten; der dann die ganze Europäische Union betreffen würde. Hier gab es bis zum Schluss der Diskussionsrunden keine Einigung.

Ein wichtiges Gesprächsthema war das Klima im Kontext mit dem schnellen Bevölkerungswachstum in Afrika. Hier wurde von einem finnischen Experten ein Zusammenhang gesehen. Der rasante Anstieg der Geburten in Afrika verschlingt immer mehr Ressourcen für die Lebensmittelproduktion. Die Rodungen auf dem schwarzen Kontinent zur Ackerlandgewinnung sind mit ursächlich für die Klimaveränderung. Ähnliches gilt auch für die Waldabholzungen in Lateinamerika für die Schaffung von Palmöl- und Sojaplantagen. Sein Vorschlag: …deshalb sollen die Staaten, die es sich finanziell und auch territorial leisten können, den Waldanteil in ihren Ländern massiv erhöhen. Damit können große Mengen an CO2 durch die Photosynthese natürlich gebunden werden. Dieser Vorschlag wurde mit großer Aufmerksamkeit zur Kenntnis genommen.

Die Konferenz endete nach der Mittagszeit. Gegen 14:30 Uhr fuhr ich mit meinem Auto zum Fährhafen von Helsinki. Pünktlich 16:30 Uhr legte die Fähre Megastar ab. Anders als bei der Hinreise war dieses Mal die Fähre bis auf den letzten Platz mit Trucks und Autos beladen. Ich sah besonders viele Nummernschilder von Fahrzeugen aus Estland, Lettland und Litauen. Die Fahrer dieser Autos waren meist Männer im besten Schaffensalter zwischen 25 und 55 Jahren. Scheinbar arbeiten diese die Woche über in Finnland und fahren zum Wochenende nach Hause zu ihren Familien. Noch eine Sache konnte ich feststellen. Da Alkohol in Finnland sehr teuer ist, gingen diese Männer erstmal in den schiff-eigenen Supermarkt und gönnten sich ein Bier. Die Seereise über den Finnischen Meerbusen war trotz höheren Wellengangs gepaart mit dem einsetzenden Sonnenuntergang genau so schön wie bei der Hinfahrt.

Genau 18:45 Uhr hatte ich in Reval wieder festen Boden unter den Füßen. Erneut begab ich mich auf einen Erkundungsgang in die Altstadt. Zuerst steuerte ich die Marzipanmanufaktur an. In Reval sagt man, Marzipan sei hier erfunden worden. Ein geschäftstüchtiger Kaufmann brachte das Rezept von hier nach Lübeck. Dort vermarktet er es so gut, dass es heute unter dem Namen Lübecker Marzipan weltbekannt ist. Reval hat noch eine historische Besonderheit zu bieten. Seit 1422 besteht bis heute am Markt die Ratsapotheke. Sie ist somit neben der Stadtapotheke von Dubrovnik in Dalmatien die älteste Apotheke in Europa. Beim abendlichen Restaurantbesuch konnte ich mich von der Gastfreundlichkeit und der guten Küche erneut überzeugen. Wohl gespeist begab ich mich zum Hotel und verschwand alsbald in den Kissen.

Ihr

CHristoph Neumann